Alpin Notruf: 140

Vom Eisberg und vom Matterhorn

St. Pölten ist nicht nur die Hauptstadt des Landes Niederösterreich, sie hat auch einen Eisberg und eine Bergrettung. Zwischen Tirolerkogel und Eibl liegt das Arbeitsgebiet der St. Pöltner BergretterInnen und Österleinbrunn heißt der alpine Stützpunkt.

Der Schwerpunkt unserer Tätigkeit liegt in der Unfallvermeidung. Den Skitouristen die winterliche Welt nahezubringen und sie vor Gefahren zu schützen, dafür arbeiten wir mit alljährlichen Tourenseminaren und Selbstversuchen.

Wenn Sie nicht mehr weiterkönnen, bauen Sie sich einen Iglu und wettern Sie im kuscheligen Inneren dieser Behausung den nächtlichen Sturm ab, so ähnlich kann es der unerfahrene Tourengeher in manchen Tourenführern/-foren gelesen haben – und glauben. Auch wir Bergretter berichten von Schneehöhlen und Iglu-Bauten bei unseren Tourenseminaren, die wir mit dem St. Pöltner Alpenverein alljährlich veranstalten. Aber, wenn wir schon darüber referieren, müssen wir auch wissen, wie es wirklich ist.

Jänner, Wochenenddienst am Tirolerkogel. Das Wetter mit Schneesturm und Nebel gut geeignet, das in der warmen Wirtshausstube oft lapidar hingeworfene „Notbiwak“ am eigenen Leib zu testen. Sicherheitshalber bleiben wir in der Nähe des Annaberger Hauses, wo nach kurzen Verhandlungen der hintere Eingang ausnahmsweise unversperrt bleibt. Wir bauen einen Iglu. Zu zweit. Zum Behufe der Errichtung und Nächtigung im eisigen Kugelhaus hat die diensthabende Mannschaft sich das Biwak-Leben etwas erleichtert und zusätzliche Ausrüstung mitgebracht, die man im Notfall wahrscheinlich nicht dabei hat: Schneesäge, Therm A Rest –Matte, 3,7 Zentimeter dick, Daunenschlafsäcke und ein Kerzerl als Licht- und Wärmequelle.

Iglubau 1Über die Behausungs-Größe bricht schon am Anfang eine kurze Diskussion aus: Groß dauert lang, klein ist unbequem. Man einigt sich auf zweizehn Innendurchmesser und beginnt an Ort und Stelle die ersten Ziegel auszusägen. Block um Block wird geschnitten, das Ziegelwerk entspricht aber nicht immer den Qualitätswünschen des jeweiligen Maurers. Manche Blöcke zerfallen, die einen werden zu dick, die anderen zu dünn. Die Zeit läuft, während der spiralförmige Aufbau nur langsam seine Form annimmt. Nach innen neigen und oben einen pyramidenförmigen Ziegel zum Abschluss einsetzen. Ja, das gelingt. Außen und innen verputzen, fertig ist die Pracht! Die Zeit verging wie im Flug und trotz einiger Biwak-Bau-Erfahrung haben wir mehr als zwei Stunden benötigt, unser Schneehäuschen zu bauen.

Der Grundriss hat sich auf eiförmig verändert und die Form wandelte sich von halbkugelig auf matterhornförmig. Etwas spitz und oben leicht seitlich geneigt, aber die Funktion ist gut: Draußen Sturm, drinnen ruhige Luft. Das Lichtlein brennt, nachdem die Belüftungslöcher gestochen sind. Draußen minus acht, herinnen plus zwei Grad. Müde bin ich, geh zur Ruh – bringe keine Äuglein zu. Das Lager ist hart, der durch die Besteigung des winterlichen Ararat gestählte Kamerad sägt sofort weg. Mal ist mir heiß im Daunensack, dann bläst wieder ein eiskalter Hauch durch die Kältefalle herein. Um halb zwei kommt das Unvermeidliche: ich muss raus! Eine Rückkehr ins enge Kugelhaus war weitaus weniger verlockend, als die leise Eroberung des geheizten Matratzenlagers im Annaberger Haus. Der Werner hat durchgeschlafen – um halb acht nehmen wir gemeinsam in der Hütte das Frühstück ein.

Lehren? Iglubau ist etwas für geplante Biwaks. Viel Zeit und Werkzeug sind notwendig. Im Notfall ist die Schneehöhle erste Wahl. Aber das ist eine andere Geschichte. Und wir merken uns: Gute Tourenplanung verhindert auch Nächtigungen ohne Frühstück in der winterlichen Mutter Natur.

Helmut Friessenbichler